Reifen bestehen nicht nur aus Gummi, sondern enthalten auch einen signifikanten Anteil an Stahl sowie Textilcord. Alles Rohstoffe, die nach sorgfältiger Wiedereingliederung in den Stoffkreislauf rufen. In Ohlsdorf, unweit vom Ufer des oberösterreichischen Traunsees, passiert genau das.

Literaturliebhaber denken bei Ohlsdorf sofort an den legendären Vierkanthof von Thomas Bernhard. Kenner der Baustoffbranche wiederum denken natürlich an die Asamer-Gruppe. Kaum jemand weiß jedoch, dass in Ohlsdorf ein großer Teil der in Österreich anfallenden Altreifen in einer vorbildlich geführten Hightech-Anlage feinsäuberlich in die einzelnen kostbaren Rohstoffe getrennt und rezykliert wird. Das liegt freilich daran, dass wir unsere Altreifen gegen einen entsprechenden Entsorgungsbeitrag in der Regel bei unserem lokalen Müllentsorger abgeben, der sie wiederum an die KIAS Recycling GmbH weitergibt. Doch das war nicht immer so: In früheren Zeiten war es in Österreich nicht unüblich, Altreifen unsachgemäß der Natur auszusetzen. Bis sich die ASAMER-Gruppe schließlich die Frage gestellt hat, ob man nicht etwas Vernünftigeres machen könnte aus den wertvollen Rohstoffen, die in den Tonnen an Altreifen stecken …

Von der Gummiverwertungsgesellschaft bis zur KIAS
Bereits Anfang der 2000er-Jahre hat die Asamer Gruppe mit Gründung der GVG die Annahme und Verwertung von Altreifen in einem eigenen Unternehmen gestartet. Ein paar Jahre später entstand daraus die „Asamer Rubber Technology“ mit einem zukunftsgerichteten, ambitionierten und kostspieligen Forschungsprogramm. 2014 schließlich kam es zum Einstieg des Kirchdorfer Zementwerks und das Joint-Venture erhielt mit „KIAS“ die Initialen der beiden oberösterreichischen Unternehmensgruppen. Und mit dem Zementwerk auch einen verlässlichen Abnehmer der in den Reifen enthaltenen Polyesterfasern, a.k.a. „Textilflusen“: Die lösen sich im Brenner des Zementofens nämlich mit ausreichend hoher Temperatur in Luft auf und bringen so einen Heizwert ein, der die 1:1 Substituierung von Kohle ermöglicht.

Mit dem Einstieg des Zementwerks konnte sich die KIAS über die vergangenen Jahre eine gute Marktposition schaffen, zahlreiche Abnehmer gewinnen sowie Eigenanwendungen für die aus den Reifen gewonnenen Gummigranulate entwickeln. Mit eindrucksvoller Anlagentechnik, die europaweit zu den größten und technologisch fortschrittlichsten gehört.

So wird Gummi zu Granulat „Bitte fotografieren Sie nicht unbedingt die Details der Maschinen“, bittet uns der junge Geschäftsführer des Wunderwerks – denn im Herzstück der kostspieligen Anlagen steckt ein wichtiger Wettbewerbsvorteil der Ohlsdorfer Aufbereitungsanlage. Christian Zirgoi hat 2017 im KIAS-Vertrieb begonnen und ist seit September 2020 Geschäftsführer des 18 Mitarbeiter zählenden, hoch automatisierten Betriebs. Er zeigt uns, wie die Reifen in einem leistungsfähigen Shredder zuerst in handtellergroße Stücke zerschnitten werden und danach durch eine Reihe ausgefeilter mechanischer Prozesse in die einzelnen Bestandteile zerlegt werden. Für Außenstehende ein wahres Wunder der Maschinentechnik wenn man bedenkt, wie unglaublich widerstandsfähig und nahezu unverwüstlich so ein Reifen eigentlich aufgebaut ist.

Am Ende stehen neben den Textilfasern und den zerkleinerten Stahldrähten auch die gesamten Gummianteile zur Verfügung und werden in unterschiedlichen Körnungen über verschiedene Füllstationen in sogenannte Big Bags verpackt, die dann mit dem Hubstapler auf ihre weitere Reise geschickt werden. Abgesehen von den Textilflusen wird vom kostbaren Granulat jedoch nur ein geringer Teil „thermisch“ verwertet. Der Großteil der Gummianteile wird nämlich in diversen Anwendungen zu neuem Leben erweckt – von Gummimatten über Formteile bis hin zu gummimodifiziertem Bitumenasphalt sind die möglichen Anwendungen des Gummigranulats enorm vielfältig.

Auch mit eigenen Produktentwicklungen ist die KIAS seit Jahren erfolgreich. So wurde unter der Marke „KIAS Protect“ ein Kugelfang entwickelt, der bereits in zahlreichen Schießanlagen im Einsatz ist. Auch das KIAS Ölbindemittel, das für den Einsatz auf Verkehrsflächen DEKRA-zertifiziert ist, wird beispielsweise bei Feuerwehren, Industriepartnern und Speditionen eingesetzt.

Einzig die Strompreis-Eskalation der vergangenen Monate trübt derzeit die Erfolgsstory des Ohlsdorfer Recyclingbetriebs. Christian Zirgoi appelliert hier an die Politik, die Energiekostensituation schnell abzufedern: „Das fachgerechte Recycling von Wertstoffen liegt im öffentlichen Interesse der Nachhaltigkeit, ist aber bei der derzeitigen Energiekostensituation extrem herausfordernd.“

Und das, obwohl erst kürzlich ein Großteil der 5.000 m2 großen Dachfläche mit Solarpaneelen bestückt wurde – ein erster großer Schritt zum Photovoltaik-Ausbau.

Apropos Kosten: Zum Abschluss unseres Besuchs weist uns Christian Zirgoi noch darauf hin, dass KIAS auch Altreifen von Privaten übernimmt – zu wesentlich geringeren Kosten. Und mit der Ersparnis bei einem Reifensatz geht sich sogar ein Mittagessen mit Blick auf den Traunstein aus. Sowie ein Besuch im benachbarten Thomas Bernhard-Haus!

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